Die Geister des Landes Rollenspielszenen – Director’s Cut

Geister des Landes Erwachen Judith Vogt CoverIn Judith Vogts „Eifel-Fantasy-Jugendbuch-Trilogie“ Die Geister des Landes gibt es zwei Szenen, in denen die Protagonisten DSA spielen. Diese wurden für die Publikationsfassung gekürzt und etwas ent-nerdet, so dass wir uns freuen, dass Judith uns die ursprünglichen Fassungen für unseren Adventskalender zur Verfügung gestellt hat. Wir wünschen viel Spaß beim Lesen!

Eine kurze Einführung vorweg:

Fiona, 17 Jahre und so normal, dass es schon weh tut, wird von seltsamen Träumen heimgesucht. In diesen Träumen kann sie offenbar auf Informationen zugreifen, die nur einer Firma von Anzugträgern, an deren Gesichter man sich nicht erinnern kann, zur Verfügung stehen sollten. Fiona ist sich nicht sicher, was sie mit diesen Träumen anfangen soll, und hat Angst, für verrückt gehalten zu werden, weshalb sie sich an die drei ohnehin für verrückt gehaltenen Rollenspielnerds Dora, Gregor und Edi wendet. Die drei versprechen, dem Wahrheitsgehalt der Träume auf den Grund zu gehen, finden aber zwischendurch immer mal wieder Zeit für einen Rollenspielabend mit ihrem gemeinsamen Kumpel Karim. Gregor sitzt gerade seinen Hausarrest aus.

„Boah, das ist echt ein Ding, an deiner Mutter vorbeizukommen. Schlimmer, als bei Shadowrun auf ein Konzerngelände einzubrechen.“
Karim zog sich die voluminöse Strickmütze vom Kopf, die die weniger als zwei Wochen alten schwarzen Dreads getarnt hatte und ließ sich auf Gregors Sofa plumpsen.
„Irgendwas von Fiona gehört?“, fragte Gregor Dora möglichst beiläufig.
„Nee. Sollte ich? Wir sind nicht so dicke.“
Das unglaublich nagende Gefühl, etwas Dummes und Linkisches getan zu haben, wallte wieder auf. Er hätte doch eine Mail an sie schreiben sollen …
„So, ihr habt seine Mum gehört – um elf Uhr sitzen wir wieder auf der Straße. Also, könnt ihr mir kurz sagen, wen ihr spielt?“, fragte Edi.
Dora öffnete ihre Umhängetasche und zog eine Mappe mit in Klarsichtfolie verpackten Charakterbögen der verschiedensten Rollenspielsysteme hervor und heftete einen davon aus. Karim rupfte aus seiner Manteltasche einen Zettel, der eher nach einem gebrauchten Tempo aussah. Gregor holte aus einer Schreibtischschublade das Mittelding zwischen beiden Extremen und einige Würfel hervor.
„Also, ich spiel Bradruk, meinen Gjalskerländer Barbaren.“
„Ömm … Scheiße, ich kann gar nicht mehr lesen, wie der heißt“, murmelte Karim und glättete den versifften Charakterbogen. „Wuzzi oder so. Kriegshäuptling der Rotschädelgoblins.“
„Wuzzi?“, wiederholte Gregor ungläubig, doch Dora fiel ihm ins Wort. „Ich spiele meine Hesinde-Geweihte, Medina ay Fasar.“
Edi ließ seufzend die gerade hervorgekramten Blätter sinken, auf denen die Ideen für den heutigen Abend notiert hatte.
„Super. Könnt ihr mir mal sagen, wie ich euch unter einen Hut bringen soll? Warum sollte sich deine Geweihte mit einem Goblin rumtreiben?“
Dora grinste. „Ich bin immer an fremden Kulturen interessiert.“
„Nee, können wir nicht einfach sagen, wir sind zusammen abgestürzt? Beim Saufen in irgendner Kneipe?“, beschwerte sich Karim und sah ganz so aus, als sei er tatsächlich abgestürzt. Auf Gregors Sofa.
„Und da haben wir dann unsere gemeinsame Liebe für klassische Musik entdeckt oder wie?“, gab Dora zurück.
Die beiden Fenster in Gregors Zimmer klapperten mit einem Mal lautstark, als eine pfeifende Windbö um die Hauswand strich. Wenige Sekunden darauf prasselten feine Regentropfen gegen die Scheiben. Gregor stand auf und ließ die Rollladen herunter, aber das Geräusch des Windes schwoll noch mehr an und wurde während der ersten Stunde des Rollenspielabends zu einem ausgewachsenen Sturm.

„Shit. Ich hoffe, das hört auf, bevor wir nach Hause müssen“, brummte Karim, als der Wecker auf Gregors Nachttisch bereits zweiundzwanzig Uhr zeigte, und alle ließen für einen Moment Charakterbögen, Würfel oder Eisteegläser sinken und lauschten dem wütenden Rappeln an den Rollläden. Pfeifend fuhr der Sturm in alle Ritzen.
Gregor wurde schlagartig bewusst, wie gut es war, in einem abgedichteten Haus zu sitzen und seine Abende damit zu verbringen, nur zu spielen, man sei Wind und Wetter ausgesetzt.
In diesen kurzen Moment des Lauschens fuhr jäh der Klingelton des Telefons in der Diele, unmelodiös zum Gebrüll des Sturms. Es klingelte drei Mal, dann nahm Gregors Mutter ab und klopfte wenige Sekunden darauf an die Zimmertür.
„Gregor, das ist für euch.“
„Für uns?“ Er öffnete die Tür, und seine Mutter hielt ihm das schnurlose Telefon entgegen.
„Hallo?“
„Hallo.“ Es war Fionas Stimme. Sie klang deutlich distanziert. „Hier ist Fiona.“
„Ja, öh, hab ich gehört. Hallo.“
„Ich rufe an, weil eure Handys nicht funktionieren. Und bei Dora und Edi ist keiner zu Hause.“
„Ja, die sind hier. Keine Sorge, ich denk schon nicht, du hättest mich freiwillig angerufen.“ Es sollte wie ein Witz klingen, aber eigentlich hörte es sich dämlich an und so, als müsse sie sich entschuldigen und nicht er. Er räusperte sich. „Also, hör mal, Fiona, ich meinte das nicht so.“
„Wenn du Bea gemeint hast, warum hast du meinen Namen draufgeschrieben?“
„Ja, also … Es war blöd, okay? Ich hab einfach gedacht, es wär lustig.“
„War auch ganz toll. Selten so gelacht. Hör mal, ich ruf nicht wegen dem dämlichen Zettel an. Ich hab grade was in meine Noten gekritzelt.“
Edi und Dora mussten seinen Gesichtsausdruck gelesen haben, denn sie musterten ihn mit gespannten Mienen. Karim blätterte in einem Regelbuch und runzelte leicht genervt die Stirn. Als würde sein Handy nicht mindestens einmal in jeder halben Stunde bei den spannendsten Szenen brummen, summen oder singen!
„Ähm. Aha. Du gehst aber früh schlafen. Und, was hast du geschrieben?“, versuchte es Gregor unverfänglich.
Sie klang ärgerlich und etwas gedämpft, als hätte sie den Telefonhörer zwischen Kopf und Schulter geklemmt. „Es hatte was mit dem Sturm zu tun, daran kann ich mich erinnern. Und aufgeschrieben habe ich: Wald am Addig. Mitten in der Debussy-Sonate …“
„Kannst du auch irische Stücke?“, fragte Gregor und sah Dora und Edi seltsame Gesichter ziehen.
„Was? Nein! Das ist eine Konzertharfe!“
„Kann man darauf keine irischen Stücke spielen?“
„Darauf kann man alles spielen, aber …“
Er unterbrach sie, denn er ahnte, dass sie kein gutes Haar an Irish Folk lassen würde.
„Also, guck mal, heute ist es eh schon zu spät. Wir haben doch gesagt, wir wissen nicht, ob wir uns da weiter drum kümmern. Außerdem das Wetter, und meine Eltern machen mir die Hölle heiß. Also, lass uns doch in der Schule drüber quatschen, ja?“
Sie schwieg, und es klang beleidigt.
„Hast keinen Bock, wegen der Bea, was?“, fuhr Gregor ungebremst fort. „Willst du sie vielleicht fragen? Vielleicht kann sich auch jemand drum kümmern, dessen Gegenwart dir nicht peinlich ist. Dann wirst du wenigstens nicht mehr in unserer Nähe gesehen.“ Er wusste nicht, warum er sich plötzlich so warm geredet hatte. War es die Überheblichkeit einer Konzertharfenspielerin, die ihn angestachelt hatte? Oder die Tatsache, dass sie vorgab, er sei der Freak – obwohl sie doch diejenige mit den seltsamen Visionen war? Niemand würde ihr glauben, niemand, das wusste er so gut wie sie. Und das gab ihm Recht, egal, wie albern seine Zettelchenschieberei gewesen war. Er hörte, dass sie mit der Antwort zögerte – und er sah, dass Edi mit den Augen rollte und beschwichtigende Gesten machte. Dora lächelte ein wenig schadenfroh. Typisch …
„Es war deine Idee, uns zu fragen. Jetzt musst du auch damit leben. Wir riskieren unseren Arsch nicht dafür, dass du in Ruhe schlafen kannst!“
Eine Stille breitete sich im Zimmer aus, bei der sogar Karim den Kopf hob. Die Stille funkte zur Telefonstation und zog sich von da aus durch die Leitungen bis hinüber zu Fiona. Er war überzeugt, dass sie aufgelegt hatte, und knirschte mit den Zähnen.
„Ich habe Dora gefragt. Sie hat dich mit angeschleppt, also, bedank dich bei ihr.“ Der Einwand kam eher zaghaft.
„Dora kann das nicht alleine. Keiner kann das. Ich will nur nicht angeguckt werden wie ein Eiterpickel, das ist die einzige Bedingung. Also, wir spielen hier grad DSA. Reden wir morgen weiter.“
„Ja. Was auch immer. Gut.“ Es klickte, und die Verbindung war unterbrochen.
Edi stieß pfeifend die Luft aus. „Boah, bei euch fliegen aber die Fetzen heute. Was war los? Das Übliche?“
Gregor nickte und setzte sich wieder hin.
„Wer war denn das? Haste ’ne Freundin, Grog?“ Karims Blick wanderte zwischen den dreien hin und her. Gregor kam sich mies vor, solch ein Geheimnis vor Karim zu haben, aber er wusste auch nicht, wie und ob er es aufklären sollte.
„Die Fiona aus der b, weißte noch?“, sagte Dora und trank ihr Glas in einem Zug aus.
„Die beiden scharwenzeln immer umeinander rum.“
Karim war bis zur Oberstufe mit ihnen in einer Klasse gewesen – aber die Faszination am Abi hatte er schlagartig verloren, als sein Onkel ihm eine Azubistelle in einem IT-Betrieb besorgen konnte.
„Aha! Ja, die ist heiß. Kann doch mal mitspielen.“ Karim grinste in die Runde.
„Over my dead body“, brummte Gregor.

Die Geister des Landes II
Einige Kapitel später sind Gregor und Fiona dann tatsächlich zusammen, zudem wurden Edi und Gregor verdächtigt, den Fahrradkeller der Schule gesprengt zu haben, eine Tat, die in Wahrheit von amoklaufenden Hinzenmännern begangen wurde.

Die beiden Mädchen haben eine Begegnung mit einer griechischen Göttin und einem berüchtigten „Schwarzen Mann“ hinter sich. Trotzdem … finden sie immer noch Zeit für einen Rollenspielabend:

 

„Allerdings glaube ich kaum, dass er uns entlasten wird, sobald er weniger verwirrt ist“, schloss Edi und verschränkte im Sitzsack die Arme hinter dem Kopf.
„Super“, sagte Dora. „Das ist mal wieder typisch. Fiona und ich, wir spielen immer die Maid in Nöten, und ihr dürft den Hausmeister heldenhaft aus dem brennenden Fahrradkeller ziehen.“
Gregor lachte freudlos. „Erstens hat der Fahrradkeller nicht gebrannt, sondern nur gequalmt, und zweitens hätte ich keine Pfeile aus dem Nirgendwo beschwören können.“
Dora schwieg und sah aus, als wüsste sie nicht genau, ob sie beleidigt oder stolz sein sollte. Dann jedoch stahl sich der Anflug eines Lächelns auf ihr Gesicht. Ich bin schon toll, dachte sich Edi. Wenn ich gestern nicht mit ihr geredet hätte, dann hätte sie nie wieder ein Wort mit Fiona oder Gregor gewechselt. Jetzt war sie doch schon wieder näher an der alten Dora dran.
„Allerdings weiß ich ja nicht“, schwenkte Gregor auf das alte Thema zurück, „weshalb sie diesen Molli oder was das war gezündet haben, als der Fahrradkeller schon fast leer war.“
Sie schwiegen eine Weile, jeder hing seinen eigenen Gedanken nach.
„Es sei denn“, sagte Dora nachdenklich, „sie wollten tatsächlich den Hausmeister erwischen.“
Es klingelte an der Tür, und Gregor stand auf. Draußen hatte es sich wieder regenverhangen zugezogen, so wie am Abend zuvor. Edi hörte, dass die ersten Regentropfen gegen das Fenster schlugen. Er hatte vor genau zwei Wochen hier in Gregors Zimmer das letzte Mal gesessen – da hatte es den Sturm gegeben, und Fiona hatte vom Addig geträumt.
„Ähm, das ist ja mal ’ne ungewöhnliche Kombination“, hörte er Gregor im Flur sagen.
„Was macht ihr denn hier?“
Edi lugte durch die Tür. Im Flur standen Fiona und Karim.
„Ich hatte doch gesagt, dass ich nach der Probe vorbeikomme“, sagte Fiona und streifte ihre Schuhe aus. „Die Probe ist ausgefallen, Frau Lemmen hatte einen … Rohrbruch im Keller.“ Sie schenkte Gregor einen bedeutungsvollen Blick.
„Ja, und ich dachte, wir spielen heute!“, sagte Karim und behielt seine Schuhe an.
Als die drei eintraten, wurde die Stimmung sofort verhalten. Ob es daran lag, dass Dora und Fiona sich immer noch nicht ganz grün waren, oder daran, dass Karim dazugekommen war, wusste Edi nicht.
„Ist alles klar?“ Karim setzte sich aufs Bett. „Stimmt irgendwas nicht?“
„Ich hatte das mit dem Spielen völlig vergessen“, murmelte Edi. Karim hob die Augenbrauen und sah einmal in die Runde. „Und wieso sind wir dann alle da?“
„Irgendwie Zufall, glaub ich.“
„Ach übrigens, Tach, ich bin Karim. Wir waren mal in der gleichen Stufe.“ Karim deutete im Sitzen eine übertriebene Verbeugung an.
Fiona nickte. „Ja, ich weiß. Ich bin Fiona.“
„Bist jetzt mit Grog zusammen, was?“ Karim zwinkerte Gregor zu, der etwas genervt zurückzwinkerte. „Also, was ist jetzt, spielen wir? Spielst du auch mit?“
Fiona hob abwehrend die Hände. „Ich bin mir gar nicht so sicher, ob ich überhaupt verstanden hab, wovon ihr redet.“
„Oha! Ein Neuling! Hervorragend! Packt die Würfel aus!“
Edi kapitulierte. Karim hatte das Ruder in die Hand genommen. Edi für sein Teil nahm das Handy in die Hand und rief Konstantin an, um sich seine Storynotizen zu besorgen.
„Konni, du musst an meinen Rechner und mir auf Gregors Mailadresse was schicken.“
„Dafür brauch ich dein Passwort“, sagte Konni, und Edi hörte ihn richtig feixen.
„Hmpf.“
„Ich brauch dein Passwort, Edi!“
„Ja, schon klar. Porsche Cayenne. C-a-y-e-n-n-e.“ Er musste es dringend ändern. Heute Nacht noch. Entschuldigend blickte er in die Runde. „Ich dachte, auf das Passwort kommt kein Mensch, der mich kennt“, grinste er.
„Konni, wenn du an meinen Dateien rumspielst, fang ich wieder so’n Vieh und setz es dir ins Bett!“

„Also noch mal. Warum steht hier was anderes als da?“ Fiona starrte auf ihren Charakterbogen. Sie hatte einen Beispielcharakter aus der Grundbox übernommen. Karim hatte sich neben sie gesetzt und erklärte ihr mit Feuereifer die weite Welt des Rollenspiels.
„Das hier ist dein Talentwert. Und das ist dein Attackewert.“
„Warum ist der höher?“
„Der Talentwert ist auf deinen Attacke- und Paradebasiswert verteilt. Die stehen hier irgendwo. Oh, die sind aber mies!“ Er grinste, und Fiona runzelte die Stirn.
„Und was soll ich jetzt würfeln?“
„Drunter.“
„Wie, drunter?“
Karim setzte einen Finger mit einem verstümmelten Fingernagel auf ihren Bogen.
„Du musst unter diesen Wert kommen. Den Attackewert. Dann hast du getroffen.“
Sie würfelte mit einem zwanzigseitigen Würfel und sagte dann zufrieden: „Drunter!“
„Okay“, sagte Edi langsam, während er Dora, die wegzudösen drohte, mit dem Fuß anstieß. „Also, du packst deinen … was hast du? Säbel fester und greifst seine linke Schulter an.“
„Ich bin doch nicht blöd“, protestierte Fiona. „Die Schulter ist doch viel zu hart. Ich stech ihm den Säbel in den Bauch!“
„Mit Säbeln kann man nicht stechen“, berichtigte Gregor gelangweilt. „Außerdem spielen wir grad deinetwegen eh ohne Trefferzonen.“
„Ist doch egal. Eine Attacke halt. Auf den Bauch.“ Edi würfelte ebenfalls. „Er pariert deinen Hieb. Ähm, Stich.“
„Wie? Du hast doch gesagt, ich hab getroffen!“, sagte Fiona zu Karim und lachte.
Gregor fühlte, dass Eifersucht mit langen, zähen Tropfen in seinen Magen rann.
„Aber er darf würfeln, ob er pariert“, erklärte Edi. „So. Dora, du bist dran.“
„Hm?“

2 Kommentare zu Die Geister des Landes Rollenspielszenen – Director’s Cut

  1. Pingback: Geister-Rollenspiel hinter Tor 15 | Nandurion

  2. Pack_master sagt:

    Okay, ich habe gelacht 😀

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