Interview mit Judith C. Vogt

Bereits im März 2011 ist Judith C. Vogts Debütroman Im Schatten der Esse bei Fantasy Productions erschienen. Wir haben mit Judith, anlässlich der neuen Rezension von Nanduriat Goswin, über schreibende Buchhändler, ihre Liebe zum Rollenspiel und zur Literatur gesprochen.

Nandurion: Du hast mit deinem Jugendfantasyroman Die Geister des Landes bereits erste Erfahrungen als Schriftstellerin gesammelt und obwohl sich bisher leider kein Verlag für das Manuskript begeistern konnte, hat es immerhin zu einer (äußerst gelungenen) Hörbuchumsetzung gereicht. Im Februar ist dann dein Debütroman Im Schatten der Esse recht unvermittelt auf dem Produktplan von FanPro aufgetaucht und direkt im März erschienen.  Wie genau ist das passiert? Was hat dich dazu gebracht, gerade für Das Schwarze Auge zu schreiben?

Judith C. Vogt: Auch vor Die Geister des Landes habe ich mich bereits an ein paar Fantasy-Romanen versucht, immer bestrebt, bei einem „großen“ Verlag zu landen. Dabei hab ich den Nischenverlagen im Prinzip kaum Beachtung geschenkt. Geändert hat sich das erst 2010 auf der Ratcon, wo Tom Finn einen wirklich gelungenen Workshop zum Thema Exposé-Erstellung gehalten hat. Danach gab er mir den Tipp, es einmal mit einem DSA-Roman zu versuchen, und irgendwie dachte ich in diesem Moment: „Was bin ich doch für ein riesiger Idiot, dass ich darauf nicht selbst gekommen bin!“ Eine Woche später standen Exposé und Leseprobe, nach etwa sechs Wochen hatte ich die Zusage und weitere sechs Wochen später war ich mit Schreiben und Korrektur durch. Was, wie ich mir habe sagen lassen, wohl recht schnell war. Das erklärt dann auch, warum ich so unvermittelt auf dem März-Platz aufgetaucht bin, der wohl aus irgendeinem Grund vakant geworden ist.

Nandurion: Du bist, wie ich, gelernte Buchhändlerin. Ich weiß nicht, ob du ähnliche Erfahrungen gemacht hast, aber mein Chef hat früher oft seufzend den Kopf geschüttelt, wenn ihm ein Verlagsvertreter den Debütroman eines (ehemaligen) Buchhändlers anbieten wollte. Ich habe immer darauf beharrt, dass es gerade die Liebe zum Medium Buch ist, die Buchhändler und Schriftsteller auf besondere Art und Weise verbindet. Wie war das für dich, letztendlich die Seiten zu wechseln?

Judith C. Vogt: Autorin wollte ich eigentlich gerne direkt nach dem Abi werden, aber leider gibt es ja keine wirkliche Möglichkeit, dieses „Handwerk“ zu erlernen wie ein beliebiges anderes Handwerk. Also habe ich mir von dem Beruf Buchhändlerin einen Einstieg in die Buchbranche erhofft. Aber wie du schon gesagt hast, verläuft die Trennung zwischen denen, die Bücher verkaufen und denen, die sie herstellen, recht rigide, und es gibt kaum Verständnis für die, die „zwischen den Fronten“ wechseln wollen – auch die Buchhandlung, in der ich lange gearbeitet habe, hat nicht wirklich mit Jubelstürmen reagiert. Meine erste Lesung habe ich dann, etwas schwermütig, im Rollenspielladen Spielmix abgehalten.

Nandurion: Wo wir gerade bei Büchern sind: Was finden wir in deinem heimischen Bücherschrank? Gibt es bestimmte Genres oder Autoren, die du bevorzugst?

Judith C. Vogt: Natürlich schlägt mein Herz für Fantasy, aber ich bin gerade in diesem Bereich recht wählerisch, vor allem, da ich in den letzten Jahren so viel weniger Zeit zum Lesen gehabt habe, als ich gerne hätte. Von daher wird man in meinem Bücherregal zwar viel Fantasy finden, aber, aufgrund meiner langjährigen Arbeit in einer Kinder- und Jugendbuchhandlung, viele alte und neue und vor allem natürlich phantastische Jugendbücher. Zu meinen All-Time-Favourites zählen dabei Romane wie Krabat, viel von Astrid Lindgren, Susan Coopers Wintersonnenwende, aber es haben mich auch neue Romane wie Little Brother und Die Tribute von Panem gefesselt. Einen besonderen Raum nimmt auch meine Leidenschaft für Märchen, Mythen, Legenden und Sagen ein, diese zeitlosen und immer wiederkehrenden Geschichten füllen ganze Regalbretter, zusammen mit Sachbüchern über alte Kulturen.

Nandurion: Was machst du, wenn du nicht gerade liest oder schreibst?

Judith C. Vogt: Dann gehe ich meist meiner zeitintensiven Haupttätigkeit nach und bespaße meine drei Kinder. Als Kontrast zur Bildschirmarbeit ist das gar nicht schlecht, und man kriegt viel Sonne und frische Luft ab.

Nandurion: Während (wirklich erfolgreiche) weibliche Autoren in der deutschen Phantastik noch immer als Ausnahmeerscheinung gelten, sind in der Reihe Das Schwarze Auge hingegen rund ein Drittel aller Romane unter weiblicher Beteiligung entstanden.  Die Anzahl der Rollenspielerinnen hat in den letzten Jahren erfreulicherweise zugenommen, aber es ist, generell betrachtet, noch immer eine Männerdomäne.  Wie bist du zum Rollenspiel und speziell zu DSA gekommen? Bist du ausschließlich Spielerin oder leitest du auch eigene Runden? Und wie nimmst du diese ungleiche Geschlechterverteilung wahr?

Judith C. Vogt: Zum Rollenspiel bin ich durch meine beste Freundin gekommen, die mich mit 17 zwang, auch mal mitzuspielen (in einer reinen Mädelsrunde!). Wir spielten, weil auch damals 17-jährige schon auf Vampire standen, Vampire – The Masquerade. Nach dem Abi jedoch trieben auch wir uns als weibliche Unterzahl, wenn auch meist mit einem guten Drittelschnitt, in männlich dominierten Runden herum, doch ich habe das nie als Problem empfunden. Die meisten dieser Mitspieler gehören jetzt schon beinahe seit einem Jahrzehnt zu meinen engsten Freunden, es wurden Ehen geschlossen und Rollenspiel-Nachwuchs gezeugt, der sich mit nerdigen Patentanten und –onkeln schmücken kann.

DSA spiele ich tatsächlich erst, seit DSA 4.0 auf den Markt kam. Einer meiner männlichen Mitspieler schlug vor, doch noch mal DSA zu spielen – Kontakt zu diesem System hatte ich davor nur durch die Computerspiele gehabt. DSA ist zu unserem Lieblingshobby avanciert, und ich bin mit dem, der es vorschlug, seit 5 Jahren verheiratet.

Als Spielerin fühle ich mich in Aventurien mittlerweile sehr heimisch, doch die Komplexität des Hintergrunds hielt mich anfangs davon ab, mich selbst als Spielleiterin zu versuchen. Jedoch ist es in unseren Runden üblich, dass der Spielleiter regelmäßig wechselt, und so dauerte es nicht lange, bis auch ich mit schöner Regelmäßigkeit eigene oder offizielle Abenteuer und Kampagnen geleitet habe, und ich empfinde das auch eigentlich nicht als Pflicht, sondern genieße auch diese Seite des Rollenspiels.

Nandurion: Was war dein allererster Rollenspielcharakter?

Judith C. Vogt: Ui, jetzt wird’s peinlich. Tja, 17-jährige Mädels und Vampire – er hat immerhin nicht geglitzert. Er hieß Moric, war ein Profikiller in seinem menschlichen Leben und ein Malkavianer im Unleben. Gehalten hat sich nicht meine Schwäche für Vampire, aber meine Schwäche für männliche Charaktere. Jawohl, ich oute mich als regelmäßiger cross-gender player!

Nandurion: Wo in Aventurien fühlst du dich am ehesten zu Hause? Gibt es eine Gegend oder Kultur, die du außergewöhnlich gerne bespielst, oder die dich besonders fasziniert?

Judith C. Vogt: Ich liebe, wie so viele vor mir, das Bornland. Wir haben selten dort gespielt, aber es bietet einen wunderbaren Hintergrund für Charaktere, einen Ausgangspunkt zu Abenteuern aller Arten, es hat Bronnjaren mit Flügeln, Theaterritter, Leibeigene, Meskinnes, Norbarden, das Eherne Schwert, dunkle Wälder und die Pfeffersäcke in Festum …

Nandurion: Judith C. Vogt beim Schreiben – wie können wir uns das vorstellen? Wie entwickelst du deine Geschichten und Figuren?

Judith C. Vogt: Da ich Kinder habe, schreibe ich in allen erdenklichen Situationen und bei (fast) allen Lautstärken. Am besten jedoch, wenn alles still ist und ich mich auf die Terrasse verziehen kann (ein Park wäre noch besser! 😉 ).

Der Kern meiner Geschichten besteht zuallererst aus einer Person mit einem interessanten Aspekt. Dann kommen viele Ideen und Gedanken dazu, die ich alle an verschiedenen Stellen auf Zettel und in Notizbücher kritzle, und wenn ich dann genug davon habe, konstruiere ich mir eine Geschichte daraus, meist mit der unschätzbaren Mithilfe meines Mannes. Mit den Figuren jedoch ist es oft ganz eigenartig: Ich plane sie, aber dann werden sie plötzlich ganz anders, und während ich schreibe, wundere ich mich darüber, was aus ihnen geworden ist . . .

Nandurion: Was inspiriert dich bei deiner Arbeit? Was machst du, wenn dir gerade die Ideen ausgegangen sind, oder du dich in einer Sackgasse befindest?

Judith C. Vogt: Die Frage, was einen inspiriert, ist wohl die Schwierigste überhaupt. Ich kann sie auch nicht befriedigend beantworten. Für mich ist eine gewisse Nähe zur Natur unheimlich wichtig, um mein inneres Gleichgewicht zu erhalten. Ich wohne nahe am Wald und brauche den Kontakt zu Bäumen und Vögeln und all diesen weisen Wesen, damit ich mich danach wieder darauf fokussieren kann, mit kleinen schwarzen Tasten meine Gedanken in ein elektronisches Gerät zu hämmern.

Wenn mir meine Ideen ausgehen, brauche ich solch eine kurze Auszeit. Und meistens reicht es, wenn ich mich danach an meiner Outline entlanghangel, bis es wieder richtig „fluppt“ (wie der Rheinländer sagt).

Nandurion: Wie war das bei deinem Debütroman Im Schatten der Esse? Da deine Hauptprotagonistin Zita eine wandernde Gesellin ist, hast du insbesondere das Schmiedehandwerk äußerst authentisch und detailliert dargestellt. Waren dafür umfangreiche Recherchen nötig?

Judith C. Vogt: Schmieden gehört zu einem der seltsamen Hobbys, die ich mit meinem Mann betreibe. Wir haben eine kleine Schmiede in der Garage (sehr zum Erstaunen unserer Reihenhausnachbarn und sicherlich nicht zur Freude des Vermieters, wenn wir mal ausziehen!), aber das kann einem natürlich nur ein grobes Gefühl davon vermitteln, wie es sich anfühlt, zu schmieden. Das Handwerk hat keiner von uns beiden erlernt, und somit habe ich schon einiges an Recherche in Büchern, auf Internetseiten und im telefonischen Kontakt mit einem Hobbyschmied angestellt, der seine Magisterarbeit über mittelalterliche Waffenschmiedekunst schreibt. Auch das Verarbeiten des Erzes, die Gebräuche der Walz und vieles mehr wollte recherchiert werden, und ich bin persönlich auch jemand, der sehr gerne recherchiert und dem historische Korrektheit auch in der Fantasy sehr wichtig ist.

Nandurion: Die Wildermark dient als Hintergrund für deinen Roman. In wie weit waren aktuelle politische Entwicklungen, wie in der Anthologie Von eigenen Gnaden, für deinen Roman von Bedeutung? Und warum fiel deine Wahl gerade auf dieses Setting?

Judith C. Vogt: Ich hatte schon lange Interesse an der Wildermark und habe gerne kleinere, selbst erdachte Abenteuer dort geleitet (so dass ich für unsere Gruppe schon fast so etwas wie der „Wildermark-SL“ war).  Von eigenen Gnaden habe ich dann anderthalb Jahre lang geleitet,  es ist viel Herzblut in die Kampagne geflossen, ich habe die Stadt mit NSCs gefüllt und letztendlich resultierte der Roman aus der Frage, die ich mir insgeheim seit langem stellte: „Was mag aus Zita geworden sein?“

Erwartungsgemäß ist mir neulich bei einer Amazon-Bewertung vorgeworfen worden, dass ich zwei meiner selbsterdachten Kriegsfürsten im Roman eingebaut habe, jedoch hoffe ich, dass mir die Rollenspielwelt dafür vergibt. Ich stecke einfach zu tief in „meinem“ Zweimühlen drin, als dass ich es bei nicht näher definierten Kriegsfürsten ohne Namen hätte belassen können – ich denke, jeder hat die Abstraktionsgabe, einen Roman auch Roman sein lassen zu können.

Nandurion: Was hat deine Leidenschaft für Das Schwarze Auge bis heute erhalten? Warum siedelst du deine Geschichten auf Aventurien an und nicht vielleicht auf einer selbsterdachten Welt?

Judith C. Vogt: DSA ist unglaublich vielschichtig. Im Prinzip könnte ich jahrzehntelang fürs Schwarze Auge schreiben, und es würde sich immer wieder eine neue kleine Welt vor mir entrollen. Ich finde es toll, mich in einer Welt einzufinden, an der viele unterschiedliche Leute daran arbeiten, sie immer wieder faszinierend und neu zu gestalten. Selbsterdachte Fantasy-Welten sind mittlerweile so inflationär vorhanden, dass ich gar nicht wirklich die Notwendigkeit sehe, eine eigene einzureihen. Dann reizt mich schon eher die Contemporary Fantasy, wie z.B. Neil Gaiman sie umsetzt.

Nandurion: Wie man deinem Blog entnehmen kann, arbeitest du derzeit am zweiten Teil von Der Tanz der Biene (Arbeitstitel), der in den Dunklen Zeiten spielen wird. Kannst du uns denn an dieser Stelle schon ein wenig über den Inhalt oder sogar etwas über die Erscheinungstermine verraten?

Judith C. Vogt: Hm, ich weiß ja gar nicht, wie viel ich vorher verraten darf. Der Erscheinungstermin vom ersten Teil wird voraussichtlich im Dezember sein, mit etwas Glück auch früher. Der Roman spielt zu Zeiten Dalek-Horas’ (ca. 380 v.BF), und man wird diese Zeit aus dem Blickwinkel einer Patrizierin, eines Sklavenmädchens und einer Legionärin sehen. Alles Frauen, aber das hat einen Grund, der natürlich noch nicht verraten wird. Zugegeben, bei der Legionärin fand ich es einfach toll, mit Rollenklischees zu spielen, männliche Legionäre sind in der Literatur und Film bereits reichlich vorhanden.

Nandurion: Warum ist deine Wahl diesmal auf die Dunklen Zeiten und nicht die aventurische Gegenwart gefallen? War die Geschichte von vorneherein als Zweiteiler geplant?

Judith C. Vogt: Die Dunkle-Zeiten-Box ist einfach wahnsinnig gut gelungen, wir durften auf dem MPA der Alveraniare auf der Ratcon direkt dort eintauchen und haben das Setting danach für eines unserer Rollenspielwochenenden genutzt, eine Art eigenes MPA, allerdings nur mit zwei Gruppen. Und danach war der Kopf so voll mit Ideen zu den Dunklen Zeiten, dass sie einfach raus mussten. Außerdem ist das die erste Gelegenheit, mein großes Latinum nutzbringend zu verwenden!

Nein, ursprünglich hatte ich die Geschichte als einzelnen Roman geplant, obwohl es mir schon etwas viel vorkam. Meine Lektorin war mit einem Zweiteiler jedoch sofort einverstanden und so im Nachhinein wäre es völlig unmöglich gewesen, das alles in 400 Seiten zu packen.

Nandurion: Verfolgst du neben deinen Schreibaktivitäten für Das Schwarze Auge zurzeit noch andere Projekte?

Judith C. Vogt: Ich habe vor, Die Geister des Landes noch einmal zu überarbeiten und dann vielleicht einen Verlag dafür zu finden. Außerdem habe ich überlegt, meine Finger mal Richtung Steampunk auszustrecken – aber das sind im Moment alles nur grob umrissene Ideen, die mindestens bis zum Herbst warten müssen.

Nandurion: Und nun zu unseren berühmt-berüchtigten Entweder-Oder-Fragen: Rohal oder Borbarad?

Judith C. Vogt: Bor-bor-borbarad – lauft, Brüder, sauft, Brüder, rauft, Brüder, immer wieder – lasst noch Premer holen – hahahaha! – denn wir sind Dämonen – hohohoho!

Nandurion: Elfen oder Zwerge?

Judith C. Vogt: Zwerge. Ich habe zwar keine besondere Verbundenheit zu Zwergen (außer, dass sie gute Schmiede sind 😉 ), aber eine besondere Abneigung gegen Elfen . . .

Nandurion: Verpflegung beim Rollenspiel: Süß oder herzhaft?

Judith C. Vogt: Süß. Lakritz, bis die Zähne ausfallen, Gummizeugs und Schokolade! Und dazu einen schwarzen Tee mit Zucker und Milch.

Nandurion: Recht herzlichen Dank für das unterhaltsame Gespräch, Judith.

Das Interview führte Eevie.

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