Interview mit Stefan Schweikert

Vor fast genau einem Monat erschien mit Mörderlied Stefan Schweikerts dritter DSA-Roman. Diesen Anlass haben unsere Einhörner genutzt, um einmal einen längeren Plausch mit dem Autor zu halten.

Nandurion: Mit Mörderlied ist gerade dein dritter Roman in der Welt des Schwarzen Auges erschienen. Wie bist du zum Rollenspiel und speziell zu DSA gekommen?

Stefan Schweikert: Ich muss gestehen – und einige werden jetzt sagen: »Das habe ich immer gewusst!« – dass ich eigentlich gar kein Rollenspieler bin. Zumindest kein richtiger. Freunde hatten in den Neunzigern mal »MERS« (Das Mittelerde-Rollenspiel) zuhause stehen. Aber die wohnten 600 km weg.

Ich selbst spielte zu der Zeit mit Begeisterung Computer-Rollenspiele. Zwangsläufig landete da die »Nordlandtrilogie« auf meinem PC. Es dauerte etwas, bis ich mich mit dem Spiel anfreunden konnte, aber als ich die Spielmechanik und das Regelwerk etwas verstanden hatte, hat es mich gepackt. Dann stellte ich fest, dass weder Thorwal noch Lowangen die Hauptstadt Aventuriens sind, und ich war von der Welt schon ein wenig beeindruckt. Außerdem wollte ich nach dem dritten Teil wissen, wer dieser Borbarad ist. Ich kaufte mir also die DSA3 Regelbox und wurde nicht wirklich schlauer. Aber die Neugierde war geweckt, und es gesellten sich schnell weitere Regel- und Quellenboxen dazu.

Auch da stand nicht viel über Borbarad drin, aber immerhin konnte ich damit meine Helden bei der nächsten Suche nach der »Schicksalsklinge« optimieren. Das Ergebnis waren im Praios geborene Hexen, um einen Extrapunkt auf »Mut« zu bekommen, und ähnlicher Frevel.

Am Bahnhofskiosk entdeckte ich dann die Romane. Zu der Zeit mied ich Taschenbücher mit quietschbunten Covern wie der Namenlose den Praiostempel. Trotzdem habe ich ein paar gelesen. Da stand immerhin ab und zu was über Borbarad drin, aber viel wichtiger war, dass ich entdeckte, wie viel Platz Aventurien für große und kleine Geschichten bietet. Natürlich erfuhr ich auch, dass in Aventurien gerade eine ganz große Sache am Laufen war, bei der Borbarad eine Hauptrolle spielte. Und ich bekam nur Häppchen davon mit! Das war schon ärgerlich. Aber leider hatte ich noch immer keine Rollenspieler im Bekanntenkreis. Ich versuchte es eine Weile mit den Solos. »Du hast die falsche Tür geöffnet/falsche Antwort gegeben/Deine Nase gefällt mir nicht. – Also bist du jetzt tot. – Würfle dir einen neuen Helden und fang von vorne an!«, waren die Sätze, die ich zu hassen lernte. Also begann ich, zu mogeln, weil ich wissen wollte, was man alles in den Abenteuern machen kann, und ob Borbarad irgendwo drinsteht. Ich musste einsehen, dass das wohl nicht so ganz meine Sache war, also ließ ich die Solos blieben, und meine Rollenspielerkarriere war beendet, ehe sie begonnen hatte. Den Romanen bin ich aber treu geblieben, und aus den paar wurden irgendwann einmal alle.

Als Jahre später mein erster DSA-Roman erschien, erfuhr ich, dass ein paar Bekannte ehedem DSA-Spieler gewesen waren. Sie hatten nur nie darüber gesprochen. Und da ich dank zeitfressendem Brotjob und den »Hobbys« Schreiben und Musikmachen nicht einmal mehr zum Computerspielen komme, wird es wohl nichts mehr mit mir und P&P. Aber “Die Sieben Gezeichneten« steht in meinem Bücherregal. Irgendwann werde ich sie lesen. Und dann werde ich ganz genau wissen, wer Borbarad ist.

Nandurion: Was war dein erster Held? Und warum fiel deine Wahl genau auf ihn?

Stefan Schweikert: Das war ein Streuner, dessen Namen ich vergessen habe. Den schickte ich in ein Soloabenteuer namens »Für die Königin, für Rondra!« . Das Abenteuer war dann schnell zu Ende. Ich stand als Mann vor den Toren Kurkums. – Nun ja, damals kannte ich mich mit den aventurischen Gepflogenheiten nicht wirklich aus.

Nandurion: Wie lange schreibst du schon? Und wie bist du dazu gekommen, Aventurien als Hintergrund für deine Geschichten zu nutzen?

Stefan Schweikert: Eine Zeitlang war ich im Freundeskreis dafür berüchtigt, beim Zelten oder so schreckliche Gute-Nacht-Geschichten zu erzählen, in denen die Anwesenden eine Rolle hatten. Aber nicht einmal die beliebteste davon, die Geschichte der »rülpsenden Meerjungfrau«, wurde je vollendet, geschweige denn, auf Papier gebracht. Das schaffte erst ein klebrig-süßes Liebeskummer-Märchen, das ich mit Mitte zwanzig verfasste. Das zählt aber auch nicht. Zehn Jahre später las ich Sol Steins »Über das Schreiben«, und spielte mit dem Gedanken, es selbst einmal zu versuchen. Aber zunächst kam nicht mehr zustande, als das unausgegorene Konzept zu einem wirren Fantasyschinken.

Erst als 2001 Fanpro zusammen mit Heyne und Amazon einen Kurzgeschichtenwettbewerb zu Aventurien auslobte, dachte ich: »Auch wenn ich kein Rollenspieler bin, und nicht so genau weiß, wer Borbarad ist, da mache ich mit!« – Also schrieb ich meine allererste richtige Geschichte. Das war »Li« in »Aufruhr in Aventurien«.

Ich sehe mich nicht als typischen Serien- und Zyklenleser, trotzdem ist es faszinierend, immer wieder in eine vertraute Welt zurückkehren zu können. Und Aventurien ist die umfangreichste Fantasywelt, die ich kenne. Da ist es wunderbar, einen Teil davon mitzuerschaffen.

Nandurion: Hast du literarische Vorbilder? Wenn ja: Welche Schriftsteller haben dich am meisten beeinflusst?

Stefan Schweikert: Natürlich sind es die Schriftsteller, die ich gerne lese, auch die, die mich beim Schreiben beeinflussen. Aber das »so was will ich auch schreiben« habe ich inzwischen hinter mir. Ich mag zum Beispiel den immer etwas poetischen Stil von Michael Ende oder Peter S. Beagle, schreibe aber selbst eher »trocken«, da ich gerne sehr nahe an der Erzählperson bleibe.

Nandurion: Was liest du selbst gern?

Stefan Schweikert: Natürlich ist der »Herr der Ringe« mein »Inselbuch« (Also das Buch, das ich auswählen würde, wenn ich nur ein einziges auf eine einsame Insel mitnehmen dürfte).

Früher habe ich Stephen King meter- und pfundweise gelesen, aber das habe ich hinter mir. Außerdem waren H.P. Lovecraft und Algernon Blackwood die Helden meiner »Horror-Phase«

Zur Zeit darf es gerne etwas poetisch und märchenhaft sein und gerne auch humorvoll, wenn auch eher auf die skurrile Art. In den letzten Jahren habe ich so ziemlich alles von Terry Pratchett, Neil Gaiman und Peter S. Beagle gelesen. Außerdem mag ich Michael Ende, Tom Robbins, T.C. Boyle und Walter Moers.

Obwohl ich, wie gesagt – von der Scheibenwelt und Aventurien abgesehen – kein Serien- und Zyklenleser bin, habe ich mich in letzter Zeit durch »Otherland« und die »Gezeitenwelt« geschmökert.

Und sehr gerne entdecke ich phantastische Jugendbuchklassiker neu, wie »Alice im Wunderland« oder »Peter Pan«.

Leider füllt sich mein Bücherregal schneller, als ich es »ablesen« kann. Allein bei den DSA-Romanen bin ich ein knappes Dutzend Bände im Rückstand. Zur Zeit lese ich die »Hagen von Stein«-Trilogie von Taladur-Kollege André Wiesler – sehr empfehlenswert – aber ich werde sie nächste Woche wohl für den neuen Walter Moers unterbrechen müssen.

Nandurion: Was brauchst du zum Schreiben in deiner Nähe? Wie arbeitest du?

Stefan Schweikert: Da bin ich bescheiden: Ruhe, genügend Getränke – und eine Aussicht! Gerne schreibe ich im Garten oder auf der Veranda, den Laptop auf dem Schoß.

Nandurion: Du bist selbst Musiker. Spielt Musik für dich beim Schreiben eine Rolle?

Stefan Schweikert: Ein guter Schreibsoundtrack ist viel wert. Es muss nicht unbedingt instrumental sein, aber deutsche Texte würde zu sehr ablenken. Bei mir funktionieren am Besten längere Progressiv-, Weltmusik- und Krautrock-Werke, von Pink Floyd und Mike Oldfield über Eloy und Kraan bis Afro-Celt-Sound-System. Oder Lautenmusik von Dowland und Bach. Beim »Mörderlied« stritten sich jedoch Angelo Badalamentis »Twin Peaks«- und der »Rabbit-Proov Fence / Long Walk Home«-Soundtrack von Peter Gabriel um den Stammplatz in der CD-Schublade.

Nandurion: Planst du (Schreib)Projekte außerhalb von DSA?

Stefan Schweikert: Jein. – Ich habe ein paar Ideen. Aber die exstieren zur Zeit nur als grobes Konzept. Ärgerlicherweise schaffe ich es nicht, mehrere Projekte parallel zu verfolgen. Außerdem wird Taladur 6 für mich – als bekennendem Langsamschreiber – eine besondere Herausforderung. Aber danach sehen wir, ob ich mich für eine Weile aus Aventurien verabschiede, oder ob – zum Beispiel – Jost Sturmdahl noch was zu erzählen hat.

Nandurion: Wie lange hast du an Mörderlied gearbeitet?

Stefan Schweikert: Etwa ein Jahr. Da ich nach der Arbeit den Kopf fürs Geschichtenerzählen nicht mehr frei bekomme, konzentriert sich die Schreiberei aufs Wochenende. Erst wenn der Abgabetermin näherrückt, muss dann auch die Mittagspause und der Abend herhalten.

Nandurion: In Mörderlied greifst du eine Figur aus Über den Dächern Gareths wieder auf. Hattest du damit schon geliebäugelt, als du Geronius Boskos für deinen ersten Roman entwickelt hast, oder ist dir diese Idee erst später gekommen?

Stefan Schweikert: Wenn ich »Ende« unter ein Manuskript setze, ist die Geschichte für mich zu Ende und gehört dem Leser, mit all ihren Helden und Bösewichtern. Aber »sag niemals nie«, wie es so schön heißt. Ein neues Buch mit »Liasanya«, der Heldin aus »Über den Dächern Gareths« wäre naheliegend gewesen, und wurde von ein paar Leuten auch gewünscht. Zumindest derzeit fällt mir jedoch keine Geschichte für sie ein. Bosko hingegen hat sich lautstark zu Wort gemeldet, als die »Dächer« in den Bücherregalen standen. Dann trat jedoch Elanora von Wilderklamm unvermittelt in mein Schreibleben und bestand darauf, dass zuerst ihre Geschichte erzählt würde. Ladies first! Von Boskos Geschichte und der Mordserie existierte zu diesem Zeitpunkt ein grober Plot. Immerhin konnte ich dadurch das »Mörderlied« sofort anstimmen, als ich aus »Kamaluqs Schlud« gekrochen kam.

Nandurion: Warum gerade ein Kriminalroman? Liest du selbst Krimis? Was fasziniert dich an diesem Genre?

Stefan Schweikert: Ich wollte mehr über Bosko wissen, und ein Ermittler erlebt einen Krimi, das ist zumindest naheliegend. Das Genre wurde also vom Protagonisten bestimmt. Übrigens war bei meinen Romanen immer erst das »Wer« da, bevor das »Was« und das »Wie« beantwortet wurden.

Ich bin eigentlich kein Krimi-Leser, auch wenn ich früher ganz gerne mal Agatha Christie oder Edgar Wallace gelesen habe. Aber Krimi ist ein dankbares Genre und kommt dem entgegen, wie ich gerne schreibe. Nämlich mit einer klaren Struktur und nahe an der Erzählperson. Außerdem darf ein Krimi »laberlastig« sein, und ich liebe es, Dialoge zu schreiben.

Anfangs fürchtete ich, Bosko würde Sam Mumm aus den Scheibenwelt-Romanen zu ähnlich werden. Also ehrt mich der Vergleich mit Mankells Wallander hier auf Nandurion um so mehr, obwohl ich nie etwas von ihm gelesen habe – was ich natürlich nachholen werde.

Nandurion: Was macht der Autor Stefan Schweikert in seiner Freizeit?

Stefan Schweikert: Die wenige Zeit, die neben den Brotberuf und dem Schreiben bleibt, gehört der Musik – ich spiele Keyboards in zwei Bands – und natürlich den Freunden. Ehedem heißgeliebte Zeitkiller wie ein schönes CRPG bleiben dabei auf der Strecke und – Schande für den alten Schwaben – die dringend nötigen Renovierungsarbeiten am Altbau.

Nandurion: Dein nächstes Projekt führt dich nach Almada. Die Türme von Taladur, die sechsteilige Romanreihe, zu der du den finalen Band beisteuerst, wurde bereits auf der RatCon vorgestellt. Was kannst du uns denn über deine Arbeit im Autorenteam verraten? Wie weit sind die Planungen zu deinem Band bereits?

Stefan Schweikert: Nach einer recht turbulenten Anfangsphase steht der Hauptplot ja seit Längerem. Zur Zeit ist es für mich ruhig, und ich darf die Konzepte und Manuskripte der anderen lesen. Außerdem versuche ich, mir noch ein paar Schurken fürs Grande-Finale zu retten. Mein Band steht im Kopf schon weitgehend, aber das liegt auch daran, dass ich aus einem gigantischen Fundus an Personen und Handlungssträngen schöpfen darf. Eigentlich wollte ich das Konzept und einen groben Szenenplan schon auf digitalem Papier haben und anfangen, die ersten Szenen zu schreiben, aber der Brotberuf verlangt gerade extrem viel von mir. Sollte ich vor Weihnachten noch meinen Sommerurlaub angehen können, lege ich richtig los.

Nandurion: Verrate uns doch bitte in drei Sätzen, warum jeder unbedingt (!) Mörderlied lesen sollte. 🙂

Stefan Schweikert: Weil jeder unbedingt wissen will, wer der Mörder ist! Weil jeder unbedingt wissen sollte, dass Aventurien eine Welt ist, in der schöne und schreckliche und kleine und große Geschichten passieren, eine Welt, in die man immer wieder zurückkehren kann, und für die man – auch als Nicht-Rollenspieler –  keine zwei Dutzend Regelwerke lesen muss, und da ist das »Mörderlied« ein wunderbarer Einstieg. Und nicht zuletzt, weil ich auch mal eine Zweitauflage haben will 😉 🙂

Nandurion: Noch ein paar unserer beliebt-polemischen Entweder-Oder-Fragen:

Nandurion: Kettenbikini oder Vollplatte?

Stefan Schweikert: Das beantworte ich als alter Computer-Rollenspieler: First-Person gibt es die Vollplatte, aber Third-Person ist der Kettenbikini der deutlich hübschere Anblick.

Nandurion: Große Jungs: Oger oder Trolle?

Stefan Schweikert: Trolle riechen nicht so streng. Oder?

Nandurion: Götterwirken: Subtil und persönlich oder massenwirksam und welterschütternd?

Stefan Schweikert: Subtil und welterschütternd, wie im richtigen Leben.

Nandurion: Herzlichen Dank, Stefan, dass du dir Zeit für unsere Fragen genommen hast.

Das Interview führte Eevie.

Ein Kommentar zu Interview mit Stefan Schweikert

  1. Arduinna sagt:

    Tolles Interview. Hat Spaß gemacht. Wer, beim Namenlosen, ist eigentlich dieser Borbarad? *g*
    Gruß JCV

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